„Es lebe die Kunst, sie lebe“


„Es lebe die Kunst, sie lebe“ war das Motte der 57. Biennale in Venedig 2017.

120 KünstlerInnen waren eingeladen im zu Transpavillons umgewandelten Hauptpavillon ihre Werke zu zeigen. In 81 Länderpavillons waren Arbeiten von ca. 150 KünstlerInnen bzw. Künstlergruppen zu sehen.

Diese Ausstellung sei, so der Präsident der Biennale Paolo Baratta, von einem Humanismus inspiriert, der sich weniger an einem künstlerischen Ideal orientiere, sondern „die Fähigkeiten der Menschen rühmt, sich – gestärkt durch die Kunst – nicht beherrschen zu lassen von den Kräften, die das Weltgeschehen bestimmen und die, wenn ihnen nicht Einhalt geboten wird, die Dimension des Menschlichen auf tiefgreifende Weise verengen können.“ [Presseinformation, 6. Februar 2017]

Ich denke, an diesen „Humanismus, in dem das künstlerische Handeln gleichzeitig ein Akt des Widerstands, der Befreiung und der Freigebigkeit wird“ kann auch hierzulande erinnert werden.

Fotografien waren dieses Jahr Teil von Installationen, durchaus künstlerisch eigenständige Dokumentationen von Performances und Projekten sowie, beispielsweise als Buchumschläge, Teil von Skulpturen, Assemblagen, Archiven oder Multimedia Projekten usw.

Lediglich mit drei KünstlerInnen war die Fotografie in der Hauptausstellung vertreten: Mladen Stilinovic (Kroatien), Hajra Waheed (Saudiarabien/Kanada) und Tracy Moffat (Australien). Über deren Arbeiten und über Dirk Braeckmann im Belgischen Pavillon schreibe ich im 1. Teil des dreiteiligen Rundgangs.

In Teil 2 und 3 geht es dann um Fotografie in den unterschiedlichsten Verwendungszusammenhängen von künstlerischen Arbeiten.

Mladen Stilinovic*1946 – 2016, Kroatien

Stilinovic verstand sich als Konzeptkünstler, bei dem die Idee zu einem Kunstwerk mehr zählt als das Kunstwerk selbst. In Venedig werden zehn Fotografien aus den 1970er Jahren, 8 s/w Fotos gezeigt, die ihn schlafend und abwechselnd mit offenen Augen abbilden, zwei farbige Fotos zeigen ihn in einem Ausstellungsraum auf einer Liege für sich hindämmernd. In Titos Jugoslawien wurde Arbeit hoch gehalten und als Grundlage der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft propagiert. Stilinovic verweigert sich mit seiner Fotoserie „Artist at work“ offensichtlich diesen Erwartungen. Später, 1993 schreibt er: „Artists in the West are not lazy and so they are no longer artists ... There is no art without laziness.“

Andererseits könnte diese Fotoarbeit auch im Zusammenhang mit der vorläufigen Zerschlagung des Kroatischen Frühlings der 1960/70er Jahre durch die Kommunistische Partei bzw. Josip Broz Tito gelesen werden.

Unweit von Mladen Stilinovics at work-Foto ist ein anderer schlafender Künstler zu sehen: der Österreicher Franz West – West! – Stilinovic irrte offensichtlich: Auch Künstler aus dem Westen schlafen.

Hajra Waheed

*1980, Saudiarabien/Kanada

Hajra Waheed wuchs in einer abgeschlossenen Wohnanlage des saudiarabischen Ölriesens ARAMCO auf, in der die zivile Verwendung von Fotoapparaten nur sehr eingeschränkt erlaubt war. Die Künstlerin bearbeitet vor allem weltpolitische und Mirgrationsthemen, ihre Arbeiten umfassen Installationen, Collagen, Videos und Skulpturen. Sie erzählt Geschichten von Macht, Überwachung, Entfremdung und Migration.

In der Biennale wurden fünf Teile ihres Bildromanes „Sea Change“ ausgestellt. Ein Kapitel besteht aus 320 collagierten ausgeschnittenen Dianegativen von Postkarten des westlichen Himalaya aus den 1930 - 1940er Jahren. „Sea Change“ handelt vom allmählichen Verschwinden von Personen und zeigt Spuren dieses Verschwindens, Spuren einer Reise, die durch eine Katastrophe ausgelöst wurde.

Tracy Mofffatt

* 1960, Australien

Tracy Moffat ist die erste in Australien geborene Künstlerin, die ihr Land bei der Biennale vertritt. In ihrer Arbeit vermengen sich persönliche Erfahrungen und Fiktionen mit der Geschichte ihres Landes

Die in Venedig gezeigte, mehrteilige, poetisch-realistisch anmutende Foto- und Videoarbeit „My Horizon“ handelt von dem, „was heutzutage in der Welt passiert“(T.M.). Zwei Fotoserien und zwei Videos sind im Pavillon zu sehen, ein Video auf einem Bildschirm außerhalb. In der Videomontage „Vigil“ (Mahnwache) beobachten Fotoporträts (film-stills) weißer amerikanischer Filmstars – besonders beklemmend Elizabeth Taylor – mit zunehmendem Entsetzen überfüllte Flüchtlingsboote (erkennbar bearbeitete Fotografien).

Im Video „The White Ghosts Sailed In“ wiederholen sich Sequenzen scheinbar alter Filmaufnahmen des Meeres vom Hafen Sydneys aus aufgenommen, angeblich gemacht von Eingeborenen am 26. Jänner 1788 – der 26. Jänner ist der australische Nationalfeiertag und erinnert an die Ankunft des englischen Schiffes „First Fleet“ und der damit verbundenen Besiedlung Australiens durch die 756 mitgeführten Strafgefangenen und 550 Besatzungsmitglieder. Dieser Gedenktag wird von der indigenen Bevölkerung abgelehnt, weil er mit mehr als 200 Jahren Enteignung, Unterdrückung und Gewalt verbunden ist.

„Passage“ titelt Tracy Moffat eine 10-teilige Fotoserie im Stil des Film Noir der 1940er Jahren. Personen scheinen wie festgefroren, wie Standbilder aus einem Film. Es sind sehr „schöne“ Bilder, doch wie die Künstlerin darüber sagt: „.. in der Geschichte wird erzählt, was in der heutigen Welt mit Asylsuchenden passiert, die Grenzen überschreiten“.(Übs. nach: theguardian.com/artanddesign/2017/may/10)

Die zweite Fotoserie „Body Remembers“ – der Titel eines Gedichts von Konstantinos Kavafis, zu deutsch: „Erinnere dich, Leib ...“, geschrieben 1918 –

irritiert und ist nicht leicht zu entschlüsseln: eine Frau (Moffat selbst) bewegt sich in einer Ruine, vielleicht einer verfallenden Stallung, auf einigen Bildern ist nur ihr Schatten zu sehen, auf anderen Fotografien, aufgenommen in einem Innenraum, wendet sie ihren Rücken der Kamera zu, die Verkleidung als Zimmermädchen ist immer gleich. Jede Fotografie hat einen Titel: Spanish Window, Spirit House, Touch, Rock Shadow, Bedroom, Weep, Shadow Dream, Kitchen, Washing, Worship. Die Bilder wirken ruhig und sind zugleich verstörend: die Lichter kommen aus unerwarteten Richtungen und stimmen nicht überein, das „Zimmermädchen“ wirkt in der Ruine verloren und seine Schatten scheinen nicht wirklich vom Licht zu kommen.

Die Kunst von Tracy Moffart, das bestätigt ihr bisheriges Werk, ist zugleich zutiefst politisch, aktuell und persönlich, ihre fotografischen Erzählungen haben keinen Anfang und keine Ende, sie bleiben offen. Über Kunst sagt sie: „Kunst zu machen ist nicht leicht und sie kommt nicht über Nacht. Sie ist ein leidvoller Prozess jenseits jeder Kontrolle. Kunstwerke entscheiden selbst wenn sie entstehen; Künstler können sie auf eine gewisse Art fertig stellen. Kunst ist niemals endgültig.“ (übs.nach: https://ocula.com/magazine/conversations/tracey-moffatt/)

Nach der augen- und fußerschöpfenden Tour durch die Hauptausstellung und im Kontrast zu manch aufgeregten und spektakulär arrangierten Länderpavillons war die ruhige konzentrierte Ausstellung der namenlosen Fotografien von

Dirk Braeckman

*1958, Belgien

im belgischen Pavillon das für mich eindrucksvollste fotografische Bilderlebnis der Biennale 2017. Großformatige analoge Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Oberflächen, Texturen, Muster alltäglicher Objekte wie eines Teppichs, eines Fensters, vereinzelt sind menschliche Körperteile sichtbar. Die große Kunst der Arbeiten Braeckmans zeigt sich sowohl in der Arbeit mit der analogen Kamera als auch in der Entwicklung des Films und der Ausarbeitung auf Fotopapier. Es gibt nichts was zur Interpretation der Fotografien auffordert, sie sind nichts Anderes als pure Fotografie. Es gibt nichts was von einer stillen Betrachtung und der Bewunderung dieser außerordentlichen Fotokunst ablenkt.


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